Leseproben aus dem aktuellen Verlagsprogramm
 
Satire:  
Markus Rafelsberger: Saubermann
Literatur:  
Aras Ören: Sehnsucht nach Hollywood
  Granatapfelblüte
  Unerwarteter Besuch
Erwin Riess: Herr Groll erfährt die Welt
Zeitgeschehen:  
Kurt Köpruner: Reisen in das Land der Kriege
 
Satire
 
Saubermann
192 Seiten. Gebunden
EUR 3,00
ISBN 3-88520-781-8

Marcus Rafelsberger
Saubermann

Gut gelaunt wie immer betrat Saubermann den demonstrativ begeisterten Applaus und setzte sich auf einen freien Sessel.
Farner wartete, bis es ruhiger wurde. »Saubermann. Vorgestern verurteilte eine Richterin Sie wegen einer Anzeige und drohte weitere Verurteilungen an, wenn Sie Ähnliches wiederholen würden und jemand dagegen klagt. War's das dann mit Saubermanns Frechheiten?«
Saubermann blickte betreten zu Boden, seine gute Laune schien wie weggeblasen, leise schüttelte er den Kopf, nicht verneinend, sondern als könne er seine gleich folgende Antwort selbst nicht glauben: »Ja.«
Ein enttäuschtes Raunen stieg an die Decke der Halle. Im selben Moment hob Saubermann grinsend den Kopf: »Das war erst der Anfang!« Das enttäuschte wurde zum überraschten Raunen.
»Erst der Anfang?«, fragte Farner.
Saubermanns Blick umarmte das gesamte Publikum. Er machte eine kurze Pause, dann begann er: »Saubermann darf keinen Spaß mehr machen? Dann ist jetzt eben Schluss mit lustig! Vielleicht hat mir die Richterin ja einen Gefallen getan. Schauen wir uns doch nur einmal um in diesem Land. Die Welt läuft Amok! Keiner weiß, ob er morgen noch seinen Job hat! Schüler ermorden ihre Lehrer, Drogen überschwemmen unsere Straßen, jeder hat Angst und keiner tut etwas dagegen! Aber ich sage etwas! Und ich werde weiterhin sagen, was ich mir denke! Was sich jeder denkt! Die Richter können einer Werbefigur vielleicht verbieten, über Politik zu sprechen. Aber sie können einem Politiker nicht verbieten, über Politik zu sprechen!«
Karlsson sah mit leuchtenden Augen auf den Schirm. Lächelnd murmelte er: »... und sie können einem Politiker nicht verbieten, Werbung zu machen.«
Über die Lautsprecher hörte man das Klatschen und die Bravorufe im Saal. »Jawoll«, rief Saubermann, »ab sofort haben die sauberen Herrschaften im Wahlkampf einen neuen Konkurrenten!«
Johlen im Publikum. Füßestampfen.
»Das wird ein Denkzettel, der sich gewaschen hat!« Hahaha! Das Publikum wurde lauter. Und heiterer. »Ich, Saubermann, stelle mich im September zur Wahl!«
Cornelius sah ihn entsetzt an, dann rief er entrüstet: »Das ist infam! Sie wollen ja nicht wirklich gewählt werden! Sie wollen mit diesem neuen Trick nur Ihre bösartige Kampagne weiterführen, um Ihr Waschmittel zu verkaufen! Sie missbrauchen das demokratischste aller Werkzeuge, die Wahl, zu billigen Werbezwecken!«
»Na und«, rief Saubermann grinsend in den aufbrandenden Applaus, »das tun die Politiker auch!«
Jahaa! Im Saal brach die Hölle los. Während das Publikum vor Spaß kreischte, sah Cornelius fassungslos auf den lachenden und winkenden Saubermann.
»Wer mitmachen will, kann das jetzt tun! Machen Sie mit bei Unserer Sauberen Partei!« Saubermann zog ein großes Schild hinter seinem Stuhl hervor und stellte es vor sich auf. Darauf war groß USP - Unsere Saubere Partei zu lesen. Darunter stand eine Telefonnummer. »Rufen Sie an! Machen Sie mit! Sagen Sie was! Und Sie hier in der Halle, kommen Sie! Ab sofort wird Politik richtig lustig! Außer für Politiker!«
Auf der Bühne erschienen attraktive junge Frauen in knapp geschnittenen weißen Fracks. Die ersten Zuschauer standen auf und kamen auf die Bühne. Die jungen Frauen reichten ihnen kleine Kärtchen und Stifte, mit denen sie die Kärtchen ausfüllen konnten. Immer mehr Publikum strömte nun hinab. Johlend, lachend, klatschend.
In den Lärm hinein brüllte Saubermann Farner zu: »Wie wär's, Fred, willst du mein Kultusminister werden?!«
Die ohrenbetäubende Fröhlichkeit des Publikums verschluckte Farners Antwort. Sprechchöre kamen auf, wurden immer lauter: »Sau-ber-mann for pre-si-dent! Sau-ber-mann for pre-si-dent!«
Karlsson lächelte zufrieden. »Das war Ihr Meisterstück«, sagte er zu Susan. Susan starrte nachdenklich auf die Monitore mit dem begeisterten Publikum.

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Literatur
Aras Ören:Sehnsucht nach Hollywood
 Granatapfelblüte
 Unerwarteter Besuch
Erwin Riess:Herr Groll erfährt die Welt
 

Sehnsucht nach Hollywood
144 Seiten, Gebunden,
mit Schutzumschlag
EUR 3,00
ISBN 3-88520-751-6

Aras Ören
Sehnsucht nach Hollywood

Sie fürchtete eine Gefahr, die sich ihr näherte. "Ich habe solche Sehnsucht", sagte sie, konnte aber nicht benennen, wonach sie sich sehnte. "Ob mein Verlobter mich nicht retten könnte?" dachte sie. Ihre rettenden Träume und die wundersamen Worte, aus denen sie Träume zusammensetzte, waren jetzt nicht mehr da, die Silben aus stimmlosen Buchstaben blieben ihr im Hals stecken und am Gaumen hängen, nein, sie waren nicht da, sie zappelte ganz vergeblich, "ich habe wohl überhaupt nichts gelernt", alles umsonst, nein, das kann doch nicht sein ... Das waren ihre letzten Gedanken ...
Susanne schlüpfte im Geist noch einmal in die Rollen einer keuschen Jungfrau, einer rechtschaffenen Hure, eines verliebten Schulmädchens, eines verratenen Models oder einer gemeinen Mörderin. Sie vergaß alles, dachte nicht mehr an den Regisseur, der sich die Haare raufte, nicht an den Regieassistenten, dem die Locken in die Stirn fielen, und sein verzweifeltes Flehen: "Geben Sie doch ein bißchen acht, bitte, konzentrieren Sie sich doch ein wenig!", nicht an das Jammern der anderen: "Wir sind spät dran! Was ist da schon dabei? Kann man das nicht endlich richtig machen?" und nicht an das Maulen der Requisiteure und Beleuchter, alles war vergessen, ja, der eigentliche Filmset war jetzt in ihrem Kopf. Dieses Spiel war von unglaublicher Schönheit.
Als sie durch die dunkelblaue Nacht nach Hause ging, unter dem flackernden Licht der Gaslaternen, das die Nacht noch geheimnisvoller und verschwommener erscheinen ließ, dauerte das Spiel in Susannes Phantasie an. Der mystisch eingerichtete Salon des berühmten Filmstars Sarah Stein befand sich jetzt irgendwo inmitten der Ruinen, die verlassen in der Dunkelheit lagen.
Es war eine seltsame Nacht. Sergeis Gesicht war vom Alkohol aufgeschwemmt und verfallen, Blut quoll ihm aus der aufgeplatzten Augenbraue, floß ihm über Schläfen und Wangen und tropfte vom Kinn auf das weiße Hemd. Der Regisseur, der Kameramann, die Beleuchter und die Requisiteure waren nirgendwo zu sehen, die Kamera stand still und nahm nichts mehr auf, aber die Scheinwerfer brannten noch. Der Dichter hatte sich den Bart in einem Zug abgerissen, war zornig mit wehendem Schal (wütend, grausam und ernst) auf Sergei losgestürmt und hatte mit der Faust zugeschlagen. Susanne krümmte sich zusammen, ohne zu verstehen, was geschah. Die beiden, die den Diener und den Fabrikanten spielten, schlüpften ebenso wie der Dichter aus ihren höflichen, liebenswerten, duckmäuserischen oder wollüstigen Filmrollen und mischten sich in die schreckliche Orgie, Leuchter und Räucherschälchen fielen um. Der Fabrikant hatte sich eine Zigarette aus seinem goldenen Etui angesteckt, Zug für Zug aufgeraucht und schließlich die Zigarette auf Sergeis Hand ausgedrückt. Der arme Sergei vergaß seine aufgeplatzte Augenbraue, brüllte vor Schmerz über sein verbranntes Fleisch und schaute gleichzeitig die Angreifer mit flehenden Augen an. Der Diener hielt Sarah Steins Gesicht gepackt und versuchte, mit einem Kleidungsstück, das er in die Finger bekommen hatte, und mit grenzenlosem Haß, ihr die Schminke abzuwischen, als wolle er ihr Gesicht zerfleischen, und beschimpfte sie dabei hemmungslos. Sarah Steins schönes Gesicht war vernichtet und verschwunden, ihre sexuelle Anziehungskraft hatte sich unversehens in eine Falle verwandelt, in der sie nun zappelte. Ihre roten Lippen, die eben noch, als sie ihre Rolle spielte, ein Bild der Wollust waren, bewegten sich, sprachen etwas, und während unverständliche Worte aus ihrem Mund quollen, zitterte sie am ganzen Körper. Die Tränen in ihren blutunterlaufenen Augen waren echt, nicht durch Glycerintropfen erzeugt, die ihr die Kosmetikerin vor dem Drehen eingeträufelt hatte. Der goldgerahmte venezianische Barockspiegel war zerbrochen. In seinen Scherben beobachtete Susanne mit Schrecken wie durch einen Nebelvorhang die bruchstückhaften Spiegelungen dieses unerwarteten, unverständlichen Schauspiels der Gewalt und die Gesichter der Schauspieler, die keinerlei Ähnlichkeit mehr mit vorhin hatten.

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Granatapfelblüte
240 Seiten, Gebunden,
mit Schutzumschlag
EUR 3,00
ISBN 3-88520-683-8

Aras Ören
Granatapfelblüte

Eine Staubwolke wirbelt auf. Staub der Zeit, hohen Alters, schwefelgelbes Licht breitet sich aus, Kraniche fliegen mit gellenden Schreien durch die Luft, Blitze flackern auf, dann setzt ohrenbetäubende Stille ein und hält an. Hält an, auch als sich der Himmel über uns zu teilen beginnt, als wären wir in einem Vakuum. Aus dem geteilten Himmel fließt unaufhörlich helles Licht. Mit dieser Funken sprühenden, blitzenden Lichtflut strömen nun die Einwohner der antiken Stadt herunter. Die Sagen werden wahr, füllen sich mit Leben. ...
Die Stadt ersteht wieder in ihrer alten Pracht. Und all das in einem einzigen Augenblick. Ein wahres Wunder.
Die Pferdekarren vor uns weichen nach rechts und links aus, um uns den Weg frei zu machen. Wir sind auf der Höhe der Agora, dem großen Platz, der von grauen Granitsäulengängen umgeben ist und auf dem ein reges Treiben und Durcheinander herrscht.
Auf welcher Seite des Weges stand sie? Auf der Seite der Agora oder auf der anderen Seite, wo das römische Bad lag? In ihrem Kleid aus fließendem, Falten werfenden Damaszenerstoff stand sie vor mir. Eine leichte Brise wehte, die ihre Haare nach hinten wellte und den dünnen Stoff ihres Kleides um ihren schlanken Leib preßte. Die Sonnenstrahlen unterstrichen die Konturen ihres Körpers und verliehen ihr die mysteriöse Aura einer Göttin. Zwischen Traum und Wirklichkeit, das Wunder nahm kein Ende.
Der rege Handel im Hof der Agora brach abrupt ab. Das Marktgeschrei verhallte ungehört. Nicht einmal den Boten, die aus den anderen Städten Pamfiliens die neuesten Nachrichten brachten, schenkte noch irgend jemand Gehör. Die Schwätzer, die Lüsternen, die Neugierigen, die es sich im Schatten der Säulengänge bequem gemacht hatten, alle machten sich auf den Weg.
Eine immer größer werdende Menge versammelt sich um uns. Man mustert uns mit neugierigen Blicken. Wir haben selbst die Menschen aus den Bädern gelockt, die nun noch leicht tropfend in ihren Badetüchern um uns herumstehen. Auch aus den weiter abgelegenen Vierteln hinter dem Siegestor kommen die Menschen. Sie werden dieses unerhörte Ereignis später ihren Kindern und Enkelkindern erzählen wollen und - wie ein Konkurs oder ein außerordentlicher Gewinn eines Händlers - die Zeit teilen in die vor und nach eben jenem Ereignis. ...
"Sei willkommen", sagt sie, "ich habe dich schon erwartet." Ihre sanfte wohlklingende Stimme streichelt mich, ich erschauere. "Ich wußte, daß du kommen würdest. Hier, trink das, du hast einen langen Weg hinter dir. Es wird dich erfrischen und dir die Müdigkeit nehmen."
Ihre makellose dunkle Haut verströmt einen Duft, der mich schwindeln läßt. Ihre pflaumengrünen Augen ziehen mich in einen Strudel. "Wie konntest du wissen, daß ich kommen würde?" murmele ich. "Ich habe mit niemandem darüber gesprochen."
Sie wirft ihre Haare, die der Wind ihr ins Gesicht geweht hat, schwungvoll nach hinten und lächelt. Ein gemeines, gnadenloses Lächeln. In ihren pflaumengrünen Augen liegen Haß und Abscheu. Wie sehr mir das zusetzt... Jede Silbe einzeln betonend wiederholt sie: "Ich habe auf dich gewartet, weil ich wußte, daß du kommen würdest." Ihre Stimme zischt wie die einer Schlange, so scharf, erniedrigend, verletzend. Ihre stolzen und hochmütigen Gebärden verleihen ihr nun eine ganz andere Aura als noch vorhin - gebieterisch, despotisch.
Schon fange ich an, mich unterwürfig zu verhalten. Mein Mund verzieht sich, aber er bringt keinen Laut hervor. Ich muß einiges erklären. Ich setze ein paarmal an, schaffe es aber nicht. Ich hätte in diesem Moment ein Verbrechen begehen können. Schließlich stoße ich wütend ihren ausgestreckten Arm zurück, der silberne Becher fällt zu Boden, ich verfolge mit Entsetzen, wie eine grüne Flüssigkeit ausläuft und sich auf dem Asphalt ausbreitet. ...
"Ein müder Reisender, die Hitze scheint ihn mitzunehmen, verwirrt und ratlos schaut er sich um, die Koffer in der Hand, jetzt geht er unentschlossen ein paar Schritte, er weiß noch nicht, wohin er sich wenden soll, wirklich bemitleidenswert... Jetzt bleibt er wieder stehen, scheint zu überlegen, was er tun soll..."
Irgend jemand hinter mir beobachtete mich aufmerksam und kommentierte laut jede meiner Bewegungen.

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Unerwarteter Besuch
384 Seiten, Gebunden,
mit Schutzumschlag
EUR 3,00
ISBN 3-88520-595-5

Aras Ören
Unerwarteter Besuch

Der Moment ihrer ersten Begegnung: Vielleicht war es den ganzen Tag bewölkt gewesen und hatte leicht geregnet, vielleicht hatte es wie aus Kübeln gegossen, vielleicht war es auch ein wolkenloser sonniger Tag gewesen, er hatte Bier in einer Kneipe getrunken oder in einem Straßencafé gesessen und die Passanten beobachtet, möglicherweise hatte er sich beim Friseur rasieren lassen, lag auf der Straße herum, pißte gegen eine Wand, langweilte sich, ging durch den Park, suchte jemanden zum Reden, wartete an der Haltestelle auf einen Bus, wechselte die Straßenseite, um jemandem aus dem Weg zu gehen, dem er nicht begegnen wollte, spielte Karten auf einer Geburtstagsfeier, pfiff vor Vergnügen, suchte eine Wohnung, ging zur Arbeit, fragte nach einer Adresse, rief auf einer Demonstration: "Hoch die internationale Solidarität!", verging vor Gram über Vietnam, ärgerte sich über den Militärputsch in der Türkei, faselte von der Herrschaft des Proletariats, kränkte sich über die Taktlosigkeit eines Bekannten, wollte verreisen, sah einem Mädchen ins Gesicht und war erregt, versuchte Gedichte zu schreiben, sagte "Revolution", führte Strategiegespräche, notierte etwas in ein Heft, haßte die Konservativen, jammerte ständig über Geldmangel, träumte, lief in einem Rollkragenpullover und in einer breitgerippten Kordhose herum ... So viele Jahre waren vergangen, so viel hatte sich ereignet, der Dichter konnte sich unmöglich daran erinnern.
Er erinnert sich nur daran: Auf einmal war überall und immerzu dieser Ali Bayrak an seiner Seite. (Wir nennen ihn heute "Ali Bayrak", und das ist auch richtig, aber ...) Der Dichter lernte ihn aber erstmals als "Bayrak Ali" kennen, zu deutsch "Fahnen Ali", sein richtiger Name war "Ali", und "Bayrak" war eine Art Beiname (wahrscheinlich, weil er auf jeder Demonstration eine rote Fahne in den Händen trug). Alle seine Bekannten kannten ihn als "Bayrak Ali", riefen ihn so und stellten ihn anderen unter diesem Namen vor. Wenn er sich selbst vorstellte, sagte er zuerst "Ali" und fügte dann noch hinzu: "Bayrak Ali". Es gefiel ihm wohl, so genannt zu werden. Er war verschwiegen; keiner wußte so recht, was er arbeitete und wovon er lebte; man weiß nicht, warum, aber keiner fragte danach. Es schien keinen zu befremden.
Der Dichter hielt ihn lange Zeit für ein Mitglied einer geheimen Vereinigung und verkniff sich aus Scheu vor Geheimnissen entsprechende Fragen. Der Beiname "Bayrak" war sicher ein Codename, dachte er. Ja, so war Bayrak Ali plötzlich an der Seite des Dichters aufgetaucht, ohne daß man genau wußte, wo und wann, sie waren ständig zusammen, egal wo sie hingingen: in der Kneipe, im Café, auf Demonstrationen waren sie unzertrennlich; wer die beiden kannte und einen von ihnen alleine traf, fragte stets sofort nach dem anderen. Manchmal, wenn Bayrak Ali allein unterwegs war, wurde er auch informiert, daß der Dichter kurz zuvor an diesem oder jenem Ort gesehen worden sei; wurde der Dichter allein angetroffen, dann sagte man ihm sofort Bescheid, in welchem Café sich Bayrak Ali gerade aufhielt.
So wußten der Dichter und Bayrak Ali immer voneinander, was der andere gerade tat, wo er war, mit wem er sich traf und worüber er redete. Da sie ständig zusammensteckten, hatten sie keine Geheimnisse voreinander. (Unter uns sind noch Zeugen aus jenen Tagen, die das bestätigen können.) Bayrak Ali hatte Interesse an Literatur und Kunst, und manchmal setzte er daher Gerüchte in Umlauf, daß die Texte des Dichters eigentlich von ihm verfaßt seien (es wußte ja niemand so recht, was für einer Arbeit er nachging). Aber trotzdem war der Dichter als Dichter bekannt.
Tatsache ist, wenn die beiden zusammen waren, dann erzählte der Dichter Bayrak Ali von seinen Träumen und dieser dem Dichter von seinem Leben.

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Herr Groll
192 Seiten, Gebunden
EUR 3,00
ISBN 3-88520-583-1

Erwin Riess
Herr Groll erfährt die Welt

Im Garten eines Reihenhauses. Groll liegt regungslos auf dem Bauch und starrt in einen kleinen Teich. Sein Rollstuhl steht neben ihm, auf dem Sitz des Rollstuhls liegt ein großer schwarzer Kater, seine Beine sind zum Sprung gespannt. Die Augen des Katers verfolgen jede Bewegung der Goldfische im Teich. Rund um das Biotop liegen noch eine Reihe anderer Katzen auf der Lauer. Tritt eilt auf Groll zu.
TRITT Sie sind aus dem Rollstuhl gefallen! Keine Angst, ich helfe Ihnen!
GROLL ohne den Kopf zu wenden, mit gepreßter Stimme Schreien Sie nicht so. Sie müssen hier keinen Kommunisten-Putsch abwehren. Olah hat die Lage im Griff. Streichelt den Kater.
TRITT Wovon reden Sie? Was machen Sie da überhaupt? Hockt sich neben Groll.
GROLL Ich bewache das Biotop eines Freundes. Er hat mich gebeten, dem Massaker an seinen Goldfischen Einhalt zu gebieten.
TRITT Gehe ich recht in der Annahme, daß des Mordens seither kein Ende ist?
GROLL Sparen Sie sich billige Ausfälle gegen die UNO, Sie Isolationist! Sie sind hier nicht in Kroatien! Im übrigen ist Ihre Lageeinschätzung richtig.
TRITT Warum heißt der Kater Olah?
GROLL Weil er hinter jedem Gebüsch einen Kommunisten vermutet.
TRITT Und warum geht er auf die Goldfische los?
GROLL Dreimal dürfen Sie raten.
TRITT Nein! Sagen Sie, daß es nicht wahr ist!
GROLL Doch. Er haßt alles, was rot ist. Ich habe ihn einmal beobachtet, wie er stundenlang mit Schaum vor dem Maul die Eingangstür einer ANKER- Filiale belagerte. Eine Katze hat sich dem Teich genähert. Renner, kusch! Die Katze zieht sich zurück.
TRITT Renner?
GROLL Ein Kater. Der Durchtriebenste von allen. Sein Opportunismus ist so groß, daß er sich beim Liebesspiel nicht entscheiden kann, ob er die Rolle des Männchens oder die des Weibchens einnehmen soll.
TRITT Sie wissen, wer die Erniedrigung des Menschen zu Tieren in seinem historischen Repertoire hat!
GROLL Überflüssig, daß Sie mich in diesem Punkt belehren, verehrter Herr Magister.
TRITT Geschätzter Groll, ich bin mir dessen nicht sicher.
GROLL In einem Staat, der dem Wohlergehen von Hunden, Katzen und Goldfischen mehr Augenmerk schenkt als der Basisversorgung seiner Bürger, ist Ihre Warnung fehl am Platz.
TRITT Ist denn Ihre Basisversorgung gefährdet?
GROLL Und ob! Die Sozialpolitiker überbieten einander mit Vorschlägen, das Pflegegeld zu kürzen. Und der KONSUM um die Ecke, das einzige Geschäft, in das ich mit dem Rollstuhl hineinkomme, führt nur mehr leere Regale. Mit einer einzigen Ausnahme: Tiernahrung! Robert Altman, der berühmte amerikanische Filmregisseur, dreht zur Zeit in den KONSUM-Filialen eine Milieustudie über den Niedergang der Einzelhandelsgeschäfte in der South Bronx der achtziger Jahre. Allein in der Gemüseabteilung meines KONSUM wurde vier Tage gedreht. Dabei widerfuhr mir die Ehre, den Film mit einem kleinen, aber farbegebenden Auftritt bereichern zu dürfen.
TRITT Sie verkörpern einen Kunden?
GROLL Nein, eine verwachsene Karotte. Der Hauptdarsteller wollte mehrmals von mir abbeißen, so gut war ich. Altman hat mich gerettet. Wieder nähert sich eine Katze dem Biotop
GROLL Kreisky! Kusch! Neutralität! Die Katze trollt sich, laut miauend.
GROLL Erklärend Kreisky hat einen ausgeprägten Ekel vor Lebertran und dem Wort Neutralität.
TRITT Sie sind geschmacklos! Kreisky hat historische Verdienste um Österreich!
GROLL Ja, er versöhnte die Nazis mit der Zweiten Republik. Und in Ergänzung dazu betrieb er gemeinsam mit dem österreichischen UNO-Generalsekretär eine antiisraelische Außenpolitik. So kommt man in Österreich zu einer guten Nachrede.
TRITT So sprechen Sie von den besten Jahren der Zweiten Republik!

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320 Seiten. Gebunden
DM 38,90
EUR 19,90

sFr 35,90
ISBN 3-88520-801-6

Kurt Köpruner
Reisen in das Land der Kriege

"Ich bin Serbe, und ich bin stolz darauf. Wir werden vielleicht alle sterben, aber wir werden kämpfen!", begrüßte mich Cupe, der Rent-a-Car-Mann, in gutem Deutsch, nachdem ihm Snjezana mit wenigen serbokroatischen Sätzen unsere Lage erklärt hatte. Na also, das war jetzt offenbar endlich einer von diesen Serben, von denen ich schon damals so vieles gelesen hatte: voller Pathos, kämpferisch, größenwahnsinnig, leidensbereit, schicksalsschwanger, von Verfolgungswahn besessen. Ich verbrachte den halben Tag mit ihm. Es wurden spannende Stunden. Was er mir zu seinem ausgebrannten Bürogebäude erzählte, hörte sich wie ein Schauermärchen an. Vor etwa einem Monat, Anfang Mai, habe sich in Zadar jene, schon von Josip kurz erwähnte, "dalmatinische Kristallnacht" abgespielt. Eine Bande von etwa hundert Personen habe in einer zehn (!) Stunden dauernden Aktion im Zentrum von Zadar und in der näheren Umgebung insgesamt hundertsechzehn serbische Geschäftslokale sowie Wohnhäuser zerstört. All das habe nicht nur unter dem Schutz der Polizei stattgefunden, diese habe die Operation sogar koordiniert! Er, Cupe, habe die ganze Aktion am Polizeifunk mitgehört, vom Beginn bis zum Ende.
Ich sagte zu Cupe, dass ich in diesem Land mittlerweile ja manches für möglich hielte, aber so könne es nicht gewesen sein, so etwas wäre bei uns im Fernsehen gekommen, mindestens in einer Zeitung hätte ich darüber wenigstens eine kleine Notiz lesen müssen, wo doch täglich auch über viel unspektakulärere Zwischenfälle in Jugoslawien berichtet wurde. Er lacht böse auf: "In euren Zeitungen steht doch nur, was für Schweine die Serben sind. Wenn Sie einmal sehen wollen, wie die Wirklichkeit aussieht, dann kommen Sie mit, ich zeige sie Ihnen!" Dieses Angebot nahm ich sofort an.
Zwei oder drei Stunden lang führte mich Cupe per Auto, zwischendurch auch zu Fuß, von einer hässlichen Ruine zur nächsten. Da waren Kleidergeschäfte, Bäckereien, Metzgereien, Zeitungskioske, Zigarettenläden, Juweliergeschäfte, Bürohäuser, Friseursalons und Dergleichen - teils einzeln stehende Gebäude, teils kleine Blechhäuschen oder, wie in der Kala Larga, Verkaufslokale, die im Erdgeschoss von Wohngebäuden beziehungsweise in Einkaufspassagen untergebracht waren. Einige davon hatte ich schon gestern während meines Spazierganges mit Josip gesehen, aber erst jetzt begriff ich, was mir dieser da zeigen wollte. Immer weniger fand ich den Ausdruck "dalmatinische Kristallnacht" übertrieben. So ungefähr muss es damals zugegangen sein, im November 1938, in den Städten Großdeutschlands.
Die Tour mit Cupe war starker Tobak für mich. Wenn ich nicht alles mit eigenen Augen gesehen hätte - niemals hätte ich so etwas für möglich gehalten. Als wir von einem Trümmerhaufen zum nächsten zogen, fragte ich mich die ganze Zeit, warum mir denn Snjezana von diesen Dingen nichts erzählt hatte. Das konnte ihr doch unmöglich entgangen sein. Ich beschloss, jetzt endlich die Wahrheit aus ihr herauszuquetschen. Immerhin planten wir ja, im Juli bei diesem Verrückten Urlaub zu machen, gemeinsam mit meiner Tochter Vera, die damals gerade sechs Jahre alt war. Mehr und mehr schien mir das eine äußerst riskante Sache zu werden.
Snjezana stellte fest, dass sie mich an diesem Tag sehr wohl angerufen habe, um mir alles zu erzählen, aber dann doch kein Wort herausbrachte. Sie habe mich einfach nicht beunruhigen wollen, habe das auch irgendwie weggedrängt, nicht mehr daran denken wollen, und außerdem hätte ich des Öfteren eher ungläubig reagiert, wenn sie mir solche absurden Dinge von Zadar erzählt habe. "Sei ehrlich, hättest du mir geglaubt, wenn ich dir das erzählt hätte?"
Ich kann nicht sagen, wie ich mich bei alledem fühlte. "Hilflos" ist wohl das beste Wort. Das alles war, ich muss es wiederholen, im Mai 1991, Monate, bevor der Krieg in Kroatien begann.

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